Sich vollständiger fühlen

Ich habe meine beiden Eltern immer wieder angestupst und aufgefordert, ihr Leben aufzuschreiben. Mein Vater machte vor elf Jahren einen Vorstoß, indem er in einem Brief an meine Kinder seine Kindheitserinnerungen an den Krieg schilderte. Einige Jahre später setzte er sich ernsthaft an seine Biografie. Letztes Jahr wurde sie fertig und er verteilte 50 Exemplare an Freunde und Verwandte. Meine Mutter war etwas schneller und hatte die erste Hälfte ihres Lebens schon im Jahr zuvor niedergeschrieben und als Buch drucken lassen.

Die beiden Lebensgeschichten meiner Eltern jetzt im Bücherregal stehen zu haben, bedeutet mir mehr als ich dachte. Sie zum Schreiben angeregt zu haben, war gewissermaßen meinem Beruf geschuldet gewesen. Ich merkte aber zunehmend, dass es mehr mit mir machte. Weiterlesen

Die Sache mit der Diskretion – warum ich die Interviewphase liebe

Es ist geschafft. Der Antrittsbesuch hat nicht zu einem vorzeitigen Abbruch der Beziehung geführt, der Interessent ist mit den Preisvorstellungen einverstanden, hat den Vertrag unterschrieben, wir haben uns auf den Modus der Zusammenarbeit geeinigt und ich darf mein Gegenüber jetzt zu meiner großen Freude als Kunden ansehen.

Nun sitzen wir uns gegenüber, das kleine Aufnahmegerät liegt auf dem Tisch, es gibt Kaffee und Kuchen oder Plätzchen oder ein Glas Wasser, jedenfalls ist es gelungen, eine behagliche Atmosphäre zu schaffen. Niemand außer uns ist im Raum und mein Opfer beginnt zu erzählen. Oftmals ist der Anfang schwer, denn der Kunde versucht noch, druckreif zu formulieren, was natürlich nicht geht. Dann ist es an der Zeit einzuschreiten und zu überzeugen, dass er einfach frei von der Leber weg erzählen soll, ich würde das schon sortiert und formuliert bekommen. Das braucht oft ein wenig, je nach Mentalität und Temperament des Kunden.

Zu meiner großen Freude bin ich bisher noch immer über diesen etwas holprigen Anfang hinweggekommen, und sind wir erst einmal miteinander warm geworden, sprudelt es oft erstaunlich unbefangen aus meinem Kunden heraus. Es ist diese Phase der Zusammenarbeit, die ich am meisten liebe. Beim zweiten oder dritten Interviewtermin kommt dann so manches Mal eine würzige Anekdote aus der Versenkung. Da fällt meinem Gegenüber ein, was für ein falscher Hund oder Geizhals der ältere Bruder früher immer war, was der eigene Sohn für ein Versager ist, oder was ein bekannter (und längst verstorbener) Minister für ein Dilettant und Armleuchter war. Oder welche Plage die eigene Ehefrau, die bereits rumlaufe und den Leuten stolz erzähle, dass ihr Mann „seine Memoiren“ schreibe. Aber auch traurige Episoden werden erinnert, bei denen schon in mehr als einem Fall die Stimme versagte und der Kunde erst die Fassung wiedergewinnen musste.

Es folgt die Phase der Verschriftlichung, gefolgt vor der ersten Korrekturversion. In allen Fällen wurde ich bisher gebeten, verfängliche Stellen – oder welche, die dafür gehalten werden – wieder zu streichen oder zumindest zu entschärfen. Die Motive dafür liegen auf der Hand. Der Erzähler ist sich im Klaren darüber, dass jemand DAS lesen wird, und auch wenn ich zugesichert habe, dass ich nichts preisgeben werde, was mein Kunde mir erzählt, so gibt es ja nach Auslieferung der fertigen Bücher eine Anzahl von Exemplaren – seien es nun 5, 10, 20 oder wie viele auch immer – deren Verbreitung sich nur im ersten Schritt kontrollieren lässt. Niemand möchte halt den eigenen Angehörigen auf die Füße treten, einen Keil zwischen seine Kinder treiben oder sonstwie böses Blut verbreiten. Auch die Angst vor eventuellen rechtlichen Konsequenzen war schon Anlass für einen Rückzieher.

Wie es nun mal ist, haben wir Biografen das Vertrauen unseres Kunden gewonnen, und der hat die Oberhoheit über seinen Text. Diskretion und vertraulicher Umgang mit den erhaltenen Informationen sind oberstes Gebot, schließlich haben wir einen Ehrenkodex und sind nicht in der Rolle von Enthüllungsjournalisten.

Aber schade um so manch eine gute Story ist es schon… .

Der Zuhörkiosk

In der Hamburger U-Bahn-Station Emilienstraße sitzt Christoph Busch in seinem Kiosk. Er verkauft keine Zeitungen oder Kaffee zum Mitnehmen. Er verkauft gar nichts, im Gegenteil. Er bietet Zuhören an. Kostenlos. Wer immer möchte, kann in “das Ohr”, so heißt sein Kiosk, kommen und erzählen. Seit Januar hat der 71-jährige Hör- und Drehbuchautor den Kiosk gemietet, für ein halbes Jahr. „Ich höre gerne Menschen zu, weil ich selber viel davon habe“, sagt er. Und die Menschen nehmen das Angebot an, setzen sich zu ihm, erzählen. Manchmal ist es ein Satz, manchmal eine ganze Lebensgeschichte. Berührende und traurige Geschichten hört Christoph Busch. Ganz uneigennützig macht er es allerdings nicht, er sammelt die Erzählungen, um ein Buch daraus zu machen. Und er hat schon so viele Geschichten bekommen, dass er das Projekt vielleicht früher als geplant beendet. So lange ist es für die Menschen, denen er seine Zeit und Aufmerksamkeit widmet, jedenfalls ein so ungewöhnliches wie schönes Angebot. „Die Leute wollen, dass du ihnen zuhörst“, resümiert Christoph Busch. So wurde er auch schon gefragt, ob es so etwas auch an anderen Orten gibt.

Mir ist davon nichts bekannt, aber nachahmenswert ist es auf jeden Fall.

 

Altmodisch-schön

Es gibt einige schöne Gewohnheiten und Gesten, die in Vergessenheit geraten sind. An eine solche erinnerte mich mein Schreibkursteilnehmer – selbst schon Ende 80.
Mittlerweile treffen wir uns abseits des ehemaligen Veranstalters VHS abwechselnd im privaten Umfeld. Zwar steht das Schreiben neuer biografischer Lebenskapitel bei den neun Mitgliedern weiterhin im Mittelpunkt, darüber hinaus ist nach den über vier Jahren ein Freundeskreis entstanden. So bleibt es nicht aus, das neben dem Lesen und besprechen des Geschriebenen ein leckerer Imbiss mit dem ein oder anderen Glas Wein kredenzt wird.
Als Kursleiterin biete auch ich mein Zuhause in regelmäßigem Turnus für die Gruppenarbeit an. Und nun zu der Geste, an die ich durch einen 87-jährigen Teilnehmer erinnert werde: Am übernächsten Tag finde ich dann Post in meinem Briefkasten. Zuverlässig, jedes Mal. Einen Brief, Büttenpapier, mit Füllfederhalter verfasst. In dem Sinne, dass es doch wieder so ein wunderschöner Leseabend war, das Ambiente und die Gastfreundschaft beeindruckend, die Häppchen lecker und der Wein vorzüglich. Ich freue mich und schaue mir den Brief einige Male an. Und erinnere mich an die Anrufe, die meine Eltern damals – zu meiner Kinderzeit – von einigen Verwandten und Freunden bekamen, am Tag nach einem gemeinsamen gelungenen abendlichen Essen oder einer Feier im elterlichen Haus. Das erfreut, zeigt Wertschätzung und vertreibt zweifelnde Gedanken wie: “Hat es wohl den Gästen auch gefallen? Haben sie die Mühe bemerkt? War die Atmosphäre schön?”

Warum sollten wir eine Geste wie diese nicht wieder aufleben lassen? Ich für meinen Teil werde diese Tradition wiederbeleben – und habe erneut etwas von einem der betagten “Schreib-Schüler” gelernt. Ein kleines Signal im Nachhinein erfreut das Herz und kostet nicht viel. Als Anruf, whatsapp-Nachricht – und manchmal auch ganz altmodisch-schön als Brief.

Biografien im Self-Publishing – Wie ein Buch das Licht der Welt erblickt

Sie schreiben Ihre Biografie oder Ihre biografischen Erinnerungen? Sehr gut.
Mit Unterstützung eines/einer erfahrenen Biografin? Ausgezeichnet!

narrative-794978_1280Sie möchten Ihre Geschichte als Einzelexemplar oder in kleiner Auflage im Copyshop vervielfältigen oder in einer Druckerei perfekt drucken und binden lassen – auf dass Ihre Lebensgeschichte im familiären/privaten Umfeld verteilt und weitergereicht wird und so der Nachwelt erhalten bleibt?
Dann haben Sie das Wichtigste erreicht: Sie werden nie vergessen werden. Zumindest nicht im Kreis von Freunden und Verwandten.

Vielleicht aber hoffen Sie (warum auch nicht!), dass Ihre einzigartige Lebensgeschichte auch fremde Menschen bereichern, faszinieren, erheitern oder stärken könnte … Weiterlesen

Wege zum Handbuch für Biografien

Die Herausgeberinnen Grit Kramert und Michaela Frölich. Hinten Dr. Andreas Mäckler

Die Herausgeberinnen Grit Kramert und Michaela Frölich. Hinten Dr. Andreas Mäckler

Ein Gespräch zwischen den Biografinnen Grit Kramert und Katja Sengelmann anlässlich der Präsentation des Buches „Wege zur Biografie – Biografien schreiben und schreiben lassen“ am 10. Juni 2016 in Frankfurt, Diakonissenhaus.

 

Katja

Grit, vor einer Woche hast Du mit Michaela Frölich zusammen das von Euch beiden herausgegebene Handbuch „Wege zur Biografie – Biografien schreiben und schreiben lassen“ vorgestellt. Kannst Du kurz und bündig sagen, was das für ein Buch ist?

Grit

In dem Buch haben wir Beiträge der Mitglieder des Biografiezentrums und einiger Gastautoren rund um das Thema Biografie versammelt. Es gibt Texte zum Nutzen des biografischen Schreibens, über die Geschichte und das Wesen der Biografie, aber auch zum Marketing und zu den Chancen und Risiken für Biografinnen und Biografen. Im Handbuch wollten wir auch abbilden, wie breit unser Arbeitsspektrum ist – dazu sind 19 Texte erschienen, zwei davon ja auch von Dir: Lebensskizzen und Digital Storytelling. Weiterlesen

Biographie und Architektur

Haus am See, Plattenbau, Altbauwohnung, Hochhaus, Bauernhof. Es gibt so viele unterschiedliche Möglichkeiten zu wohnen. Was macht dies mit den Bewohnern?

Ich bin weder Architektin noch habe ich mich groß mit Soziologie beschäftigt. Ich kann nur sagen: Ich fühle mich wohl in der Siedlung, in der ich wohne, in Berlin in der Waldsiedlung Zehlendorf von Bruno Taut. Und ich kann fragen: Geht es den anderen Bewohnern auch so? Und wenn ja warum? Inwiefern unterscheidet sich unsere Siedlung von anderen?

Vier meiner Nachbarn erzählten mir von ihrem Leben in unserer Umgebung. Vier ganz unterschiedliche biographische Texte sind dabei entstanden.

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