Zehn Jahre »Salon-Reisen« – Über die Erkundung der Welt vom Schreibtisch aus

Bequemer geht’s nicht: In meinem »Salon-Waggon« reise ich seit über zehn Jahren rund um die Welt. Komfortabel, behaglich und immer mit einer Prise Spannung, wo der »Salon Schwarz auf Weiss« das nächste Mal Station machen wird. Meine Reiserouten suche ich mir nicht selbst aus. Ein unbekannter Anrufer/in, eine Mail, ein erstes Treffen, Übergabe der Reiseunterlagen – und schon geht’s wieder los mit fremdem Ziel. Das nächste Biografie-Abenteuer lockt …

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Als aus meinem Urururgroßvater ein Bürger wurde

Zum Jahresende ein kleiner Gedanke, der mir immer mal wieder durch den Kopf geht: Vor vielen Jahren las ich im Sterberegister über einen meiner Urururgroßväter, der 1773 geboren war und 1818 starb, den Eintrag „Bürger und Feldmaurer“. Es irritierte mich, weil ich noch nie gelesen hatte, dass irgendjemand im Sterberegister Bürger genannt wurde. Jahre später wurde mir klar, was das aller Wahrscheinlichkeit zu bedeuten hatte. Zu Lebzeiten dieses Mannes war die Leibeigenschaft abgeschafft worden. Vermutlich war er als Leibeigener aufgewachsen und als Bürger gestorben. Was für ein gewaltiger Umbruch mag das damals im Leben der Menschen bedeutet haben. Es gibt genügend Zeitzeugnisse, die nahelegen, dass die Leibeigenen froh gewesen sein sollten, diesen neuen Status zu erhalten. Ich habe aber auch einmal von jemandem gelesen, der mit der neuen Freiheit und der damit einhergehenden Notwendigkeit, eigenständig Entscheidungen zu treffen, (auf die ihn nie jemand vorbereitet hatte,) nicht gut zurecht kam. Im optimalen Fall hatte der alte Status auch eine Form von Sicherheit geboten.
Seit mir dieser Wechsel vom Leibeigenen zum Bürger innerhalb eines Lebens bewusst wurde, denke ich anders darüber nach, was „Bürger-sein“ eigentlich bedeutet. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts wurden mit dem Begriff ja durchaus unterschiedliche Vorstellungen verknüpft, begehrliche zum Beispiel, wenn jemand bestrebt war, den Sprung ins Bildungsbürgertum zu schaffen. Aber auch gegenteilige, wenn jemand naserümpfend als bürgerlich, kleinbürgerlich oder umgekehrt als großbürgerlich bezeichnet wurde oder wird. Im Grunde muss man doch zum Ursprung zurückgehen, um sich zu vergegenwärtigen, dass Bürger zu sein bedeutet, Rechte zu haben und mitreden zu dürfen – von den Pflichten mal ganz abgesehen. Die Frage ist wohl, was man draus macht …
Da Biografien viel mit Vergangenheit, Gesellschaft und sozialen Bedingungen zu tun haben, ist das vielleicht ein Gedanke, der auch euch / Sie faszinieren könnte.
Beate Friedrich-Lautenbach
http://www.textundleben.de

Gibt es Zufälle?

Es ist immer wieder interessant zu hören, wie wir Biografinnen und Biografen des Biographiezentrums von potentiellen Kunden gefunden und ausgewählt werden. Eine besondere Geschichte dieses Suchens und Findens möchte ich hier (mit Zustimmung meines Kunden) weitergeben. Seit ein paar Wochen arbeiten wir gemeinsam an seiner umfangreichen Biografie, die 1929 in Rumänien/Siebenbürgen begann und ihn 1972 nach Deutschland führte. Kürzlich schrieb er mir ausführlich, durch welche Zufälle er zu »seiner« Biografin kam:

»Liebe Frau Richter, ein kurzer Einblick über unser seltsames, kurioses Zusammenkommen …

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Sich vollständiger fühlen

Ich habe meine beiden Eltern immer wieder angestupst und aufgefordert, ihr Leben aufzuschreiben. Mein Vater machte vor elf Jahren einen Vorstoß, indem er in einem Brief an meine Kinder seine Kindheitserinnerungen an den Krieg schilderte. Einige Jahre später setzte er sich ernsthaft an seine Biografie. Letztes Jahr wurde sie fertig und er verteilte 50 Exemplare an Freunde und Verwandte. Meine Mutter war etwas schneller und hatte die erste Hälfte ihres Lebens schon im Jahr zuvor niedergeschrieben und als Buch drucken lassen.

Die beiden Lebensgeschichten meiner Eltern jetzt im Bücherregal stehen zu haben, bedeutet mir mehr als ich dachte. Sie zum Schreiben angeregt zu haben, war gewissermaßen meinem Beruf geschuldet gewesen. Ich merkte aber zunehmend, dass es mehr mit mir machte. Weiterlesen

Der Zuhörkiosk

In der Hamburger U-Bahn-Station Emilienstraße sitzt Christoph Busch in seinem Kiosk. Er verkauft keine Zeitungen oder Kaffee zum Mitnehmen. Er verkauft gar nichts, im Gegenteil. Er bietet Zuhören an. Kostenlos. Wer immer möchte, kann in “das Ohr”, so heißt sein Kiosk, kommen und erzählen. Seit Januar hat der 71-jährige Hör- und Drehbuchautor den Kiosk gemietet, für ein halbes Jahr. „Ich höre gerne Menschen zu, weil ich selber viel davon habe“, sagt er. Und die Menschen nehmen das Angebot an, setzen sich zu ihm, erzählen. Manchmal ist es ein Satz, manchmal eine ganze Lebensgeschichte. Berührende und traurige Geschichten hört Christoph Busch. Ganz uneigennützig macht er es allerdings nicht, er sammelt die Erzählungen, um ein Buch daraus zu machen. Und er hat schon so viele Geschichten bekommen, dass er das Projekt vielleicht früher als geplant beendet. So lange ist es für die Menschen, denen er seine Zeit und Aufmerksamkeit widmet, jedenfalls ein so ungewöhnliches wie schönes Angebot. „Die Leute wollen, dass du ihnen zuhörst“, resümiert Christoph Busch. So wurde er auch schon gefragt, ob es so etwas auch an anderen Orten gibt.

Mir ist davon nichts bekannt, aber nachahmenswert ist es auf jeden Fall.

 

Biografien im Self-Publishing – Wie ein Buch das Licht der Welt erblickt

Sie schreiben Ihre Biografie oder Ihre biografischen Erinnerungen? Sehr gut.
Mit Unterstützung eines/einer erfahrenen Biografin? Ausgezeichnet!

narrative-794978_1280Sie möchten Ihre Geschichte als Einzelexemplar oder in kleiner Auflage im Copyshop vervielfältigen oder in einer Druckerei perfekt drucken und binden lassen – auf dass Ihre Lebensgeschichte im familiären/privaten Umfeld verteilt und weitergereicht wird und so der Nachwelt erhalten bleibt?
Dann haben Sie das Wichtigste erreicht: Sie werden nie vergessen werden. Zumindest nicht im Kreis von Freunden und Verwandten.

Vielleicht aber hoffen Sie (warum auch nicht!), dass Ihre einzigartige Lebensgeschichte auch fremde Menschen bereichern, faszinieren, erheitern oder stärken könnte … Weiterlesen

Wege zum Handbuch für Biografien

Die Herausgeberinnen Grit Kramert und Michaela Frölich. Hinten Dr. Andreas Mäckler

Die Herausgeberinnen Grit Kramert und Michaela Frölich. Hinten Dr. Andreas Mäckler

Ein Gespräch zwischen den Biografinnen Grit Kramert und Katja Sengelmann anlässlich der Präsentation des Buches „Wege zur Biografie – Biografien schreiben und schreiben lassen“ am 10. Juni 2016 in Frankfurt, Diakonissenhaus.

 

Katja

Grit, vor einer Woche hast Du mit Michaela Frölich zusammen das von Euch beiden herausgegebene Handbuch „Wege zur Biografie – Biografien schreiben und schreiben lassen“ vorgestellt. Kannst Du kurz und bündig sagen, was das für ein Buch ist?

Grit

In dem Buch haben wir Beiträge der Mitglieder des Biografiezentrums und einiger Gastautoren rund um das Thema Biografie versammelt. Es gibt Texte zum Nutzen des biografischen Schreibens, über die Geschichte und das Wesen der Biografie, aber auch zum Marketing und zu den Chancen und Risiken für Biografinnen und Biografen. Im Handbuch wollten wir auch abbilden, wie breit unser Arbeitsspektrum ist – dazu sind 19 Texte erschienen, zwei davon ja auch von Dir: Lebensskizzen und Digital Storytelling. Weiterlesen

Biographie und Architektur

Haus am See, Plattenbau, Altbauwohnung, Hochhaus, Bauernhof. Es gibt so viele unterschiedliche Möglichkeiten zu wohnen. Was macht dies mit den Bewohnern?

Ich bin weder Architektin noch habe ich mich groß mit Soziologie beschäftigt. Ich kann nur sagen: Ich fühle mich wohl in der Siedlung, in der ich wohne, in Berlin in der Waldsiedlung Zehlendorf von Bruno Taut. Und ich kann fragen: Geht es den anderen Bewohnern auch so? Und wenn ja warum? Inwiefern unterscheidet sich unsere Siedlung von anderen?

Vier meiner Nachbarn erzählten mir von ihrem Leben in unserer Umgebung. Vier ganz unterschiedliche biographische Texte sind dabei entstanden.

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