Die Sache mit der Diskretion – warum ich die Interviewphase liebe

Es ist geschafft. Der Antrittsbesuch hat nicht zu einem vorzeitigen Abbruch der Beziehung geführt, der Interessent ist mit den Preisvorstellungen einverstanden, hat den Vertrag unterschrieben, wir haben uns auf den Modus der Zusammenarbeit geeinigt und ich darf mein Gegenüber jetzt zu meiner großen Freude als Kunden ansehen.

Nun sitzen wir uns gegenüber, das kleine Aufnahmegerät liegt auf dem Tisch, es gibt Kaffee und Kuchen oder Plätzchen oder ein Glas Wasser, jedenfalls ist es gelungen, eine behagliche Atmosphäre zu schaffen. Niemand außer uns ist im Raum und mein Opfer beginnt zu erzählen. Oftmals ist der Anfang schwer, denn der Kunde versucht noch, druckreif zu formulieren, was natürlich nicht geht. Dann ist es an der Zeit einzuschreiten und zu überzeugen, dass er einfach frei von der Leber weg erzählen soll, ich würde das schon sortiert und formuliert bekommen. Das braucht oft ein wenig, je nach Mentalität und Temperament des Kunden.

Zu meiner großen Freude bin ich bisher noch immer über diesen etwas holprigen Anfang hinweggekommen, und sind wir erst einmal miteinander warm geworden, sprudelt es oft erstaunlich unbefangen aus meinem Kunden heraus. Es ist diese Phase der Zusammenarbeit, die ich am meisten liebe. Beim zweiten oder dritten Interviewtermin kommt dann so manches Mal eine würzige Anekdote aus der Versenkung. Da fällt meinem Gegenüber ein, was für ein falscher Hund oder Geizhals der ältere Bruder früher immer war, was der eigene Sohn für ein Versager ist, oder was ein bekannter (und längst verstorbener) Minister für ein Dilettant und Armleuchter war. Oder welche Plage die eigene Ehefrau, die bereits rumlaufe und den Leuten stolz erzähle, dass ihr Mann „seine Memoiren“ schreibe. Aber auch traurige Episoden werden erinnert, bei denen schon in mehr als einem Fall die Stimme versagte und der Kunde erst die Fassung wiedergewinnen musste.

Es folgt die Phase der Verschriftlichung, gefolgt vor der ersten Korrekturversion. In allen Fällen wurde ich bisher gebeten, verfängliche Stellen – oder welche, die dafür gehalten werden – wieder zu streichen oder zumindest zu entschärfen. Die Motive dafür liegen auf der Hand. Der Erzähler ist sich im Klaren darüber, dass jemand DAS lesen wird, und auch wenn ich zugesichert habe, dass ich nichts preisgeben werde, was mein Kunde mir erzählt, so gibt es ja nach Auslieferung der fertigen Bücher eine Anzahl von Exemplaren – seien es nun 5, 10, 20 oder wie viele auch immer – deren Verbreitung sich nur im ersten Schritt kontrollieren lässt. Niemand möchte halt den eigenen Angehörigen auf die Füße treten, einen Keil zwischen seine Kinder treiben oder sonstwie böses Blut verbreiten. Auch die Angst vor eventuellen rechtlichen Konsequenzen war schon Anlass für einen Rückzieher.

Wie es nun mal ist, haben wir Biografen das Vertrauen unseres Kunden gewonnen, und der hat die Oberhoheit über seinen Text. Diskretion und vertraulicher Umgang mit den erhaltenen Informationen sind oberstes Gebot, schließlich haben wir einen Ehrenkodex und sind nicht in der Rolle von Enthüllungsjournalisten.

Aber schade um so manch eine gute Story ist es schon… .