Altmodisch-schön

Es gibt einige schöne Gewohnheiten und Gesten, die in Vergessenheit geraten sind. An eine solche erinnerte mich mein Schreibkursteilnehmer – selbst schon Ende 80.
Mittlerweile treffen wir uns abseits des ehemaligen Veranstalters VHS abwechselnd im privaten Umfeld. Zwar steht das Schreiben neuer biografischer Lebenskapitel bei den neun Mitgliedern weiterhin im Mittelpunkt, darüber hinaus ist nach den über vier Jahren ein Freundeskreis entstanden. So bleibt es nicht aus, das neben dem Lesen und besprechen des Geschriebenen ein leckerer Imbiss mit dem ein oder anderen Glas Wein kredenzt wird.
Als Kursleiterin biete auch ich mein Zuhause in regelmäßigem Turnus für die Gruppenarbeit an. Und nun zu der Geste, an die ich durch einen 87-jährigen Teilnehmer erinnert werde: Am übernächsten Tag finde ich dann Post in meinem Briefkasten. Zuverlässig, jedes Mal. Einen Brief, Büttenpapier, mit Füllfederhalter verfasst. In dem Sinne, dass es doch wieder so ein wunderschöner Leseabend war, das Ambiente und die Gastfreundschaft beeindruckend, die Häppchen lecker und der Wein vorzüglich. Ich freue mich und schaue mir den Brief einige Male an. Und erinnere mich an die Anrufe, die meine Eltern damals – zu meiner Kinderzeit – von einigen Verwandten und Freunden bekamen, am Tag nach einem gemeinsamen gelungenen abendlichen Essen oder einer Feier im elterlichen Haus. Das erfreut, zeigt Wertschätzung und vertreibt zweifelnde Gedanken wie: “Hat es wohl den Gästen auch gefallen? Haben sie die Mühe bemerkt? War die Atmosphäre schön?”

Warum sollten wir eine Geste wie diese nicht wieder aufleben lassen? Ich für meinen Teil werde diese Tradition wiederbeleben – und habe erneut etwas von einem der betagten “Schreib-Schüler” gelernt. Ein kleines Signal im Nachhinein erfreut das Herz und kostet nicht viel. Als Anruf, whatsapp-Nachricht – und manchmal auch ganz altmodisch-schön als Brief.

Ein Gedanke zu „Altmodisch-schön

  1. Eine schöne, feine Beobachtung.
    Mit dem Papier, mit der fast verschwundenen privaten Post im Briefkasten gehen auch andere Dinge verloren. So bekomme ich nur noch selten eine gedruckte Todesanzeige, wenn ein mir gut bekannter Mensch gestorben ist. Seltsam, das per Mail zu erfahren. Bei nahestehenden Menschen wird natürlich angerufen, und das Atmen im Hörer, von zwei erschrockenen Menschen, verbindet. Stärkt das Gefühl für das Außerordentliche, das geschehen ist.
    Eigentlich geht es bei all dem um dasselbe.
    Begegnung.
    Erquickend das Treffen mit (Schreib-)Freunden. Tröstlich die Stimme am Telefon. Wohltuend das Papier, das der andere in der Hand hielt und selbst beschrieb, das vielleicht noch einen Duft trägt. Stärkend die Schönheit von Handschrift und Tinte, von edlem Papier.
    Ich mag den ermunternden Ausblick von Christiane Willschs Beitrag.

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