Willkommen im Blog des Biographiezentrums!

Ergänzend zu unserer Website www.biographiezentrum.de, auf der sowohl alle Mitglieder als auch alle biographischen Angebote und Seminare aufgeführt sind, finden Sie hier aktuelle Beiträge zum weiten Themenbereich des biographischen Arbeitens und Publizierens. Wir laden Sie herzlich ein, sich in Form von Kommentaren und eigenen Beiträgen am Wachstum dieses Forums zu beteiligen.

Erste Impressionen über unsere Arbeit und unsere Mitglieder erhalten Sie auch in den folgenden Filmen:

Film über das Biographiezentrum – Vereinigung deutschsprachiger Biographinnen und Biographen

Mitglieder des Biographiezentrums sprechen über ihre Arbeit

Vier Überraschungen

In meiner Arbeit als Biografin leite ich auch Menschen an, die selbst schreiben wollen. Vor fünf Jahren begann in der Volkshochschule Göppingen die erste biografische Schreibwerkstatt. In einer kleinen Gruppe verfassten meine TeilnehmerInnen Erinnerungstexte und lasen vor. Es gab einiges zu staunen. Als ersten Schreibimpuls hatte ich mir überlegt:

„Ein schönes Erlebnis aus meiner Kindheit.“

So allgemein sollte das doch für alle passen. Prompt protestierte eine Frau: „In meiner Kindheit gab es keine schönen Erlebnisse.“

Schock. So schlimm?

Was nun?

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Die Sache mit der Diskretion – warum ich die Interviewphase liebe

Es ist geschafft. Der Antrittsbesuch hat nicht zu einem vorzeitigen Abbruch der Beziehung geführt, der Interessent ist mit den Preisvorstellungen einverstanden, hat den Vertrag unterschrieben, wir haben uns auf den Modus der Zusammenarbeit geeinigt und ich darf mein Gegenüber jetzt zu meiner großen Freude als Kunden ansehen.

Nun sitzen wir uns gegenüber, das kleine Aufnahmegerät liegt auf dem Tisch, es gibt Kaffee und Kuchen oder Plätzchen oder ein Glas Wasser, jedenfalls ist es gelungen, eine behagliche Atmosphäre zu schaffen. Niemand außer uns ist im Raum und mein Opfer beginnt zu erzählen. Oftmals ist der Anfang schwer, denn der Kunde versucht noch, druckreif zu formulieren, was natürlich nicht geht. Dann ist es an der Zeit einzuschreiten und zu überzeugen, dass er einfach frei von der Leber weg erzählen soll, ich würde das schon sortiert und formuliert bekommen. Das braucht oft ein wenig, je nach Mentalität und Temperament des Kunden.

Zu meiner großen Freude bin ich bisher noch immer über diesen etwas holprigen Anfang hinweggekommen, und sind wir erst einmal miteinander warm geworden, sprudelt es oft erstaunlich unbefangen aus meinem Kunden heraus. Es ist diese Phase der Zusammenarbeit, die ich am meisten liebe. Beim zweiten oder dritten Interviewtermin kommt dann so manches Mal eine würzige Anekdote aus der Versenkung. Da fällt meinem Gegenüber ein, was für ein falscher Hund oder Geizhals der ältere Bruder früher immer war, was der eigene Sohn für ein Versager ist, oder was ein bekannter (und längst verstorbener) Minister für ein Dilettant und Armleuchter war. Oder welche Plage die eigene Ehefrau, die bereits rumlaufe und den Leuten stolz erzähle, dass ihr Mann „seine Memoiren“ schreibe. Aber auch traurige Episoden werden erinnert, bei denen schon in mehr als einem Fall die Stimme versagte und der Kunde erst die Fassung wiedergewinnen musste.

Es folgt die Phase der Verschriftlichung, gefolgt vor der ersten Korrekturversion. In allen Fällen wurde ich bisher gebeten, verfängliche Stellen – oder welche, die dafür gehalten werden – wieder zu streichen oder zumindest zu entschärfen. Die Motive dafür liegen auf der Hand. Der Erzähler ist sich im Klaren darüber, dass jemand DAS lesen wird, und auch wenn ich zugesichert habe, dass ich nichts preisgeben werde, was mein Kunde mir erzählt, so gibt es ja nach Auslieferung der fertigen Bücher eine Anzahl von Exemplaren – seien es nun 5, 10, 20 oder wie viele auch immer – deren Verbreitung sich nur im ersten Schritt kontrollieren lässt. Niemand möchte halt den eigenen Angehörigen auf die Füße treten, einen Keil zwischen seine Kinder treiben oder sonstwie böses Blut verbreiten. Auch die Angst vor eventuellen rechtlichen Konsequenzen war schon Anlass für einen Rückzieher.

Wie es nun mal ist, haben wir Biografen das Vertrauen unseres Kunden gewonnen, und der hat die Oberhoheit über seinen Text. Diskretion und vertraulicher Umgang mit den erhaltenen Informationen sind oberstes Gebot, schließlich haben wir einen Ehrenkodex und sind nicht in der Rolle von Enthüllungsjournalisten.

Aber schade um so manch eine gute Story ist es schon… .

Der Zuhörkiosk

In der Hamburger U-Bahn-Station Emilienstraße sitzt Christoph Busch in seinem Kiosk. Er verkauft keine Zeitungen oder Kaffee zum Mitnehmen. Er verkauft gar nichts, im Gegenteil. Er bietet Zuhören an. Kostenlos. Wer immer möchte, kann in “das Ohr”, so heißt sein Kiosk, kommen und erzählen. Seit Januar hat der 71-jährige Hör- und Drehbuchautor den Kiosk gemietet, für ein halbes Jahr. „Ich höre gerne Menschen zu, weil ich selber viel davon habe“, sagt er. Und die Menschen nehmen das Angebot an, setzen sich zu ihm, erzählen. Manchmal ist es ein Satz, manchmal eine ganze Lebensgeschichte. Berührende und traurige Geschichten hört Christoph Busch. Ganz uneigennützig macht er es allerdings nicht, er sammelt die Erzählungen, um ein Buch daraus zu machen. Und er hat schon so viele Geschichten bekommen, dass er das Projekt vielleicht früher als geplant beendet. So lange ist es für die Menschen, denen er seine Zeit und Aufmerksamkeit widmet, jedenfalls ein so ungewöhnliches wie schönes Angebot. „Die Leute wollen, dass du ihnen zuhörst“, resümiert Christoph Busch. So wurde er auch schon gefragt, ob es so etwas auch an anderen Orten gibt.

Mir ist davon nichts bekannt, aber nachahmenswert ist es auf jeden Fall.

 

Altmodisch-schön

Es gibt einige schöne Gewohnheiten und Gesten, die in Vergessenheit geraten sind. An eine solche erinnerte mich mein Schreibkursteilnehmer – selbst schon Ende 80.
Mittlerweile treffen wir uns abseits des ehemaligen Veranstalters VHS abwechselnd im privaten Umfeld. Zwar steht das Schreiben neuer biografischer Lebenskapitel bei den neun Mitgliedern weiterhin im Mittelpunkt, darüber hinaus ist nach den über vier Jahren ein Freundeskreis entstanden. So bleibt es nicht aus, das neben dem Lesen und besprechen des Geschriebenen ein leckerer Imbiss mit dem ein oder anderen Glas Wein kredenzt wird.
Als Kursleiterin biete auch ich mein Zuhause in regelmäßigem Turnus für die Gruppenarbeit an. Und nun zu der Geste, an die ich durch einen 87-jährigen Teilnehmer erinnert werde: Am übernächsten Tag finde ich dann Post in meinem Briefkasten. Zuverlässig, jedes Mal. Einen Brief, Büttenpapier, mit Füllfederhalter verfasst. In dem Sinne, dass es doch wieder so ein wunderschöner Leseabend war, das Ambiente und die Gastfreundschaft beeindruckend, die Häppchen lecker und der Wein vorzüglich. Ich freue mich und schaue mir den Brief einige Male an. Und erinnere mich an die Anrufe, die meine Eltern damals – zu meiner Kinderzeit – von einigen Verwandten und Freunden bekamen, am Tag nach einem gemeinsamen gelungenen abendlichen Essen oder einer Feier im elterlichen Haus. Das erfreut, zeigt Wertschätzung und vertreibt zweifelnde Gedanken wie: “Hat es wohl den Gästen auch gefallen? Haben sie die Mühe bemerkt? War die Atmosphäre schön?”

Warum sollten wir eine Geste wie diese nicht wieder aufleben lassen? Ich für meinen Teil werde diese Tradition wiederbeleben – und habe erneut etwas von einem der betagten “Schreib-Schüler” gelernt. Ein kleines Signal im Nachhinein erfreut das Herz und kostet nicht viel. Als Anruf, whatsapp-Nachricht – und manchmal auch ganz altmodisch-schön als Brief.

Biographie und Therapie – Konkurrenz oder Kollegen?

Kollegialer Austausch der Biograph/innen während der Fachtagung und anschließenden Lesung in der Mohrvilla München/Freimann, ©Dr. Ralf Willms

Vom 19. – 21. Januar 2018 trafen sich Biographen und Biographinnen des Biographiezentrums (ganz schön viel Biographie – es ist aber auch ein schönes Wort) in der Mohrvilla in München/Freimann zu einer kollegialen Fachtagung, die mit einer wunderbar gelungenen Soiree und Matinee im Gewölbesaal ihren krönenden Abschluss fand. Bevor ich mich dem Thema der Überschrift widme, ist es mir eine Herzensangelegenheit zu betonen, dass es sich lohnt, einer solchen Lesung beizuwohnen. Ob als lesende/r Biograph/in, als dessen Auftraggeber oder als Hörer. Das Potpourri aus Privatbiographien, die unterschiedlichen Lesarten und die Stimmung des Publikums ergaben einen wunderbaren Resonanzkörper, der in den anschließenden Gesprächen einen inspirierenden Nachhall fand. Da die Lesung professionell vertont wurde, steht in Kürze ein Band zur Verfügung, um alle Beiträge nachzuhören. Nochmal: Es lohnt sich! Reinkommen! Reinhören!

An dieser Stelle ein großer Dank an alle Mitglieder, die das Event – und kommende – geistig und finanziell mittragen und natürlich an Dr. Andreas Mäckler und Andrea Richter, die es organisiert und ausgerichtet haben.

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Irgendwo gibt es sie, die Worte eines Menschen, die in ihm leben

„Ich bin 1936 geboren. Von klein auf musste ich meine sechs jüngeren Geschwister betreuen, denn die Mutter war krank. Abends hatte ich den gesamten Haushalt zu erledigen, abzuwaschen natürlich von Hand, dann alle Schuhe zu putzen und in einer langen Reihe aufzustellen; ab etwa 22 Uhr war ich mit allem fertig, dann durfte ich Hausaufgaben machen.

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Umzug – mit der Vergangenheit aufräumen

Ich bin vor kurzem umgezogen. Neben einer sympathischen Wohnung, die mir zwei Jahre lang als „Friedenshort“ gedient hat, habe ich diesmal auch ein ganzes Leben hinter mir gelassen: eine Ehe, ein belastendes „Wechselmodell“ und sogar einen Sohn. Mehr als die anderen fünf Umzüge der vergangenen 15 Jahre bedeutet dieser also einen biografischen Wendepunkt.

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Hallelujah!

Wie aus einer Partyplanung ein autobiographisches Projekt wurde

Da musste ich 48 Jahre alt werden, um einem veritablen Selbstmissverständnis auf die Spur zu kommen. Bis vor Kurzem behauptete ich voller Überzeugung, ich tanze nicht gern. Doch das stimmt gar nicht. Ich tanze sogar sehr gern, aber nur zu Musik, die ich richtig gut finde. Die gemeine Party außer Haus bietet das leider meistens nicht. Sicher, man kann den Party-DJ fragen, ob er das eine Herzenslied spielt, dann warten, ob er sich erbarmen wird, nur um gegebenenfalls beim ersten Akkord wie ein dressierter Hund alles stehen und liegen zu lassen und auf die Tanzfläche zu stürmen für drei Minuten kleines Glück. Das kommt mir ziemlich jugendlich vor, und ich bin nun einmal inzwischen sehr erwachsen.

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