Hallelujah!

Wie aus einer Partyplanung ein autobiographisches Projekt wurde

Da musste ich 48 Jahre alt werden, um einem veritablen Selbstmissverständnis auf die Spur zu kommen. Bis vor Kurzem behauptete ich voller Überzeugung, ich tanze nicht gern. Doch das stimmt gar nicht. Ich tanze sogar sehr gern, aber nur zu Musik, die ich richtig gut finde. Die gemeine Party außer Haus bietet das leider meistens nicht. Sicher, man kann den Party-DJ fragen, ob er das eine Herzenslied spielt, dann warten, ob er sich erbarmen wird, nur um gegebenenfalls beim ersten Akkord wie ein dressierter Hund alles stehen und liegen zu lassen und auf die Tanzfläche zu stürmen für drei Minuten kleines Glück. Das kommt mir ziemlich jugendlich vor, und ich bin nun einmal inzwischen sehr erwachsen.

Wenn ich die Musik selbst aussuchen könnte, sinnierte ich auf der letzten Party so am Rande der Tanzfläche stehend, das wäre toll. Eine Playlist „meiner“ Lieder, einen ganzen Abend lang – was für eine phantastische Vorstellung! Der Gedanke arbeitete und formte sich zu einer Entscheidung: Ich werde meinen 50. Geburtstag auf diese Weise feiern! Ich mache eine Party und suche mir alle Lieder selbst aus!

Ich habe zwei Jahre Zeit, das sollte genügen, um in aller Ruhe eine Liste zusammenzustellen, abzuwägen, Reihenfolgen auszuprobieren, Inspirationen auf Partys zu sammeln, Lieder wieder „rauszuschmeißen“ und am Ende keinen wichtigen Song zu vergessen.

Ich öffnete eine Excel-Liste und schrieb los. Zuerst einmal die Tanzmagneten, die immer gehen: Blur, Peter Fox, Faithless, Underworld, die besten Songs der Neuen Deutschen Welle (Nena!), nach Mitternacht ein bisschen ABBA und — als ich „Udo Jürgens“ eintippe, beschleicht mich der erste kleine Zweifel: Geht das wirklich? Vielleicht finden gar nicht alle Menschen „Griechischer Wein“ so herzrührend und partytauglich wie ich? Vielleicht reißen „Ton Steine Scherben“ doch nicht so viele Leute auf die Tanzfläche, wie ich denke? Ist Talking Heads´ „Burning Down The House“ tatsächlich so genial, oder verkläre ich da etwas, weil es mir vor 35 Jahren auf der Party des Sohnes von Pastor Wagner ein neues Lebensgefühl erschloss?

Dass Lionel Ritchie gar nicht geht, ist mir bewusst. Aber „Hello“ hat einen Platz tief in meinem Herzen, seit ich im Alter von 15 Jahren während meines Sprachkurses in England, ergriffen von Lied und Video, immerfort Tränen der Sehnsucht, des Glücks und des Unglücks hätte vergießen können. Vielleicht geht ja „Dancing On The Ceilin´ oder „All Night Long“ – nur so als Würdigung, als Reminiszenz an die schöne Zeit? Vielleicht spiele ich es ganz am Anfang, wenn noch niemand da ist?

— England, sowieso, hach: Das waren Wham, Nik Kershaw, Howard Jones, Kajagoogoo – großartige Erinnerungen! Aber sind die Songs heute partytauglich? Erst einmal kommen sie alle auf die Liste. Und ich denke an den anderen Sprachkurs, zwei Jahre zuvor, als wir mit ein paar Leuten in London die Nacht durchgemacht haben; als ich in der Hotelbadewanne Ludwigs Haare rot gefärbt und wir kurz vor der Morgendämmerung Brötchen aus dem offenen Transporter eines Bäckereibelieferers geklaut haben.

Versunken in derlei Rückblicke, dämmert mir langsam, dass ich am Anfang eines autobiographischen Projekts stehe. Es sind nicht nur die Lieder, es sind auch die Erinnerungen. Mit „Boat On The River“ von Styx gewann ich in der Schule unseren klasseninternen Song-Contest. Ein Lied meines Lebens. Kommt auf die Liste. Keinen Menschen aber, befürchte ich, locke ich damit hinterm Ofen hervor, geschweige denn auf die Tanzfläche. Gerade erst nannte ein Musikjournalist meines Lieblingssenders die Band  „eine der schlimmsten Kitschrockbands der Siebziger und Achtziger“ und das Lied „furchtbar“.  Das kommt also auch ganz an den Anfang, wenn noch nicht alle da sind. Oder ans Ende, so als Rausschmeißer, wenn es den Leuten sowieso egal ist. Und wo ich gerade dabei bin – was mache ich bloß mit Chris de Burgh?! Nein. Geht wirklich nicht. Was auch wirklich nicht geht, sind die Teens. Was war ich verliebt in Robbie Bauer! Mit zwölf Jahren war ich auf ihrem Konzert in meiner Heimatstadt (meine Mutter stand mit den anderen Müttern hinten in der Halle) und überzeugte meine Eltern sogar, mit mir nach Berlin zu reisen, nachdem ich anhand der Bravo-Foto-Storys zu rekonstruieren versucht hatte, wo Robbie wohnt. Nun höre ich mir ihren ersten großen Hit von damals, „Gimme Gimme Gimme Gimme Gimme Your Love“, nochmal an. Och, geht doch! Kommt auf die Liste. Vielleicht sollte ich die Entscheidung noch einmal prüfen, wenn ich wieder ganz bei Sinnen bin.

Stunden um Stunden verbringe ich seitdem an meiner Liste und auf Youtube, lasse mich leiten und gelange zu Liedern, auf die ich von alleine gar nicht mehr gekommen wäre! Ich wandere vorbei an „Layla“ (Eric Clapton) und „Lola“ (The Kinks), streife die California-Hits der 70-er Jahre und lande wieder bei den 80-ern. „Solsbury Hill“ – untrennbar verknüpft mit einer großen Jugendliebe und unzähligen Aufenthalten in meiner damaligen Stamm-Disco. Gefällt mir gar nicht mehr so super, der Song, aber bin ich ihm nicht irgendwie verpflichtet?

Joe Jacksons „Steppin Out“ war der Soundtrack meines Paris-Aufenthaltes, als ich eine Freundin während ihres Auslandssemesters dort besuchte. Das werde ich ihr widmen. Idee: Ich werde überhaupt jedem Gast ein Lied widmen! Mein alter Freund Volker „bekommt“ Tom Waits – aber wann kann man Waits spielen? Und würde Volker überhaupt kommen? Immerhin haben wir uns Jahre nicht gesehen. Ich beschließe, allen Nichtkommenden „Don´t Know Why I Didn´t Come“ von Norah Jones zu widmen. Und Tom Waits kommt an den Schluss, er ist dort in ehrwürdiger Gesellschaft all der anderen großartigen Songs, die man auf einer Party im Jahr 2019 keinem nüchternen Menschen zumuten kann.

Bleiben noch die Lieder, die man ernsthaft nicht mal mehr nicht-nüchternen Menschen zumuten kann. Ich könnte ein Spiel veranstalten. Es würde vielleicht heißen: „Ist es nicht unglaublich, was mal in den Charts war?“, und dann kann ich „Trojan Horse“ von LUV anspielen. Ich sehe mich noch mit meiner Schulfreundin in ihrem Zimmer – wir müssen acht oder neun Jahre alt gewesen sein –, wie wir die Tanzschritte und vor allem die Armbewegungen üben.

Aber es geht ja noch weiter: Reinhard Mey ist mir heute nicht mehr peinlich. Im Gegenteil: Seit Jahren hören wir ihn und Hannes Wader im Sommer auf unserer Urlaubsterrasse am Mittelmeer. Vielleicht sollte ich „Heute hier, morgen dort“ auf der Playlist unterbringen? Als Reminiszenz an meinen Musiklehrer in der 5. Klasse, der uns das Lied beibrachte?, ich kann es noch heute auswendig. Und erkenne jetzt erst, was wir lernten! (Ich glaube, „Another Brick In The Wall“ war auch dabei.) Was Herr Weichert wohl heute macht, wie es ihm geht? Unversehens bin ich in der Recherche und – habe ihn gefunden! Wie phantastisch kann das Internet sein! (Freut es einen Musiklehrer, wenn er von einer ehemaligen Fünftklässlerin nach fast 40 Jahren ein begeistertes Feedback zu seinem Unterricht erhält? Gerne würde ich auch meinen damaligen Klassenlehrer noch einmal grüßen und ihm sagen, was ich für ein gutes Gefühl in der Erinnerung an ihn und seinen Unterricht habe. Einfach mal Danke sagen. Immer wieder einmal denke ich mit einem Freund an diese Zeit der 5. und 6. Klasse zurück und würde gerne wissen, was ich damals in dem Aufsatz mit dem Titel: „Wo sehe ich mich in 20 Jahren?“ geschrieben habe. Leider finde ich den Aufsatz nicht mehr. Auch über meinen damaligen Klassenlehrer finde ich nichts im Netz und hoffe, dass es ihm gut geht.)

Werde ich die erste LP, die ich damals mein Eigen nannte, mit einem Lied würdigen? Sie lag am Heiligabend unter dem Baum. Und schon meldet sich das alte Weihnachts-Gefühl aus der Kindheit, die Erinnerung an die Aufregung vor und die Gefühle während der Bescherung und an den langen, wunderbaren Abend im Anschluss, den ich schließlich mit meinen Geschenken hatte. Irgendwo müssen die alten Platten noch sein… und ja, im Keller finde ich sie. Ich glaube, es war „high life“, auf der mich damals „Cuba“ von den Gibson Brothers und „Dance Away“ von Roxy Music verzauberten.

Also, ja! Es ist ein autobiographisches Projekt, wie ich es bisher noch nicht begonnen hatte! Ich denke über die Menschen nach, die ich einladen möchte, und die, die ich nicht einladen möchte, und die Gründe für beides. Ich denke über die Menschen nach, die gestorben sind, die ich liebte oder mit denen ich wichtige Zeit meines Lebens verbrachte. Ich denke über das Trauern nach und über das Leben. Ich denke darüber nach, in welcher Zeit wir leben und schiebe den Gedanken gleich wieder weg. Ich bin froh, dass ich lebe und will es feiern!

Und so werde ich die Party beginnen mit „What A Wonderful World“ von Louis Armstrong und beschließen mit Reinhard Meys „Gute Nacht, Freunde“, gefolgt nur noch, während des letzten Glases Wein im Stehen, von Jeff Buckleys „Hallelujah“.

Wie werden wir im Alter leben? Die Ausstellung „Dialog mit der Zeit“

Ich will die Tür aufschließen, aber ich zittere so sehr, dass ich den Schlüssel trotz größten Bemühens einfach nicht ins Schlüsselloch bekomme. Dann steige ich Treppen, doch ich kann kaum die Füße voreinander setzen, so schwer sind sie. So wie mir geht es allen, die sich in den „Dialog mit der Zeit“ begeben haben, einer Ausstellung zu den „Herausforderungen und Perspektiven des Alterns in unserer Gesellschaft“ im Museum für Kommunikation in Berlin. An weiteren Stationen versuche ich, telefonisch Kinokarten zu bestellen, obwohl ich schlecht hören kann, oder unter Simulation verschiedener Augenkrankheiten wie dem Grauen Star dort Zahlen zu erkennen, wo ich vor allem graue pfützenartige Gebilde sehe.

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