Umzug – mit der Vergangenheit aufräumen

Ich bin vor kurzem umgezogen. Neben einer sympathischen Wohnung, die mir zwei Jahre lang als „Friedenshort“ gedient hat, habe ich diesmal auch ein ganzes Leben hinter mir gelassen: eine Ehe, ein belastendes „Wechselmodell“ und sogar einen Sohn. Mehr als die anderen fünf Umzüge der vergangenen 15 Jahre bedeutet dieser also einen biografischen Wendepunkt.


Ein solcher Wendepunkt zerschneidet den Alltag. Während ich Sachen in verschiedene Kartons sortiert habe, habe ich auch Gedanken und Erinnerungen sortiert. Ein Umzug bietet Gelegenheit, auszumisten: Woran will ich mich freuen, wenn ich auspacke, und was will ich lieber nicht nochmal in die Hand nehmen? Welche Dinge sind nur „Kram“, den ich als Ballast mit mir herumschleppe, und welche sind biografisch bedeutsam für mich? Wie gehe ich mit Dingen um, die an die verflossene Partnerschaft erinnern? Mein Ex-Mann wollte die alten Fotoalben nicht haben, ich nehme sie mit. Man sieht darin, dass auch vieles schön war, das beruhigt. Außerdem gehört doch auch das nicht Gelungene dazu. Ich will es nicht einfach wegschmeißen, sondern „integrieren“, erst in mein Umzugsgut und dann auch in meine Seele.

In vielen Fällen wäge ich instinktiv ab, was gutes „Karma“ hat und mitkommt und was mir gleichgültig geworden ist. Gelegentlich versucht der Kopf, ein Wörtchen mitzureden: Koko, der Stofftier-Affe, den ich aus meiner Kindheit gerettet habe? Mit 47 Jahren ist es vielleicht mal an der Zeit, ihn wegzuwerfen. Seit Jahrzehnten verstaubt er nahezu unbeachtet im Regal. Ich klopfe ihm die dicksten Staubmäuse aus dem Fell, setze ihn auf den Balkon und mache ein letztes Erinnerungsfoto. Und dann schießen mir plötzlich die Tränen aus den Augen bei dem Gedanken, wie ich ihn jetzt nehme und in den großen, schwarzen, stinkenden Müllcontainer im Hof werfe – nein! Hier darf der kühle Kopf nicht die Oberhand haben: Koko ist biografisch wichtig! Über Koko habe ich meine ersten Tier-Abenteuer geschrieben, noch in der Grundschule. Mit diesem Affen fing an, was ich die letzten 20 Jahre als berufliche Leidenschaft entdeckt und entwickelt habe. Ein Ehemann kommt und geht wieder, wenn er nicht mehr mag, aber Koko ist immer noch ganz der Alte – ein bisschen verstaubt zwar, aber treu und beständig. Statt im anonymen Container bette ich ihn auf einer Schicht geliebter Bücher im Karton und halte ihn weiter in Ehren.

In der Überflussgesellschaft haben wir alle zu viele Sachen. Aber was „noch gut“ ist, will man ja auch nicht einfach wegwerfen, nicht wahr? Wenn es nur jemanden gäbe, der das alles brauchte! Dann könnte man sich leichter davon trennen. Die einen hoffen, dass ihre Kinder oder Enkel sich mal für den Kram interessieren mögen: „Mein Sohn, das wird alles mal dir gehören!“ Die anderen träumen vom Minimalismus, von der Reduktion auf Wesentliches, und rechnen uns vor, wie viel wertvolle Lebenszeit ein jeder mit der Pflege seiner Dinge vergeudet: 10 000 Sachen hat jeder Europäer im Schnitt, um die er sich kümmern muss! Chaos in der Wohnung spiegelt das Chaos im Inneren wieder, heißt es: Räume auf, miste aus, und du wirst auch dein Leben damit ordnen.

Ich werde wohl nie mit den 100 wirklich nötigen Dingen in einen übersichtlich geordneten Wohnwagen ziehen. Als Biografin hänge ich zu sehr an alten Dingen, die Geschichte erzählen. Die geerbte Stilkommode ist mir wichtiger als der praktische Einbauschrank, und ich nehme mir lieber Zeit, das Silberbesteck meiner Großeltern zu putzen, als es durch pflegeleichtes Cromargan zu ersetzen. Bei einem solchen Putzvorgang verbinde ich mich auch mal wieder mit meinen eigenen Wurzeln und mache mir bewusst, dass sich ohne Vergangenheit keine Zukunft formen lässt.

Mein Umzug ist ein Neuanfang: Ich lasse Schweres hinter mir und baue neue Chancen auf. Die alte Wohnung habe ich liebevoll geputzt und für den Nachmieter gestrichen – Vergangenheit will aufgeräumt sein, Biografie ist Arbeit. Jetzt wohne ich wieder in meinem Elternhaus und schließe einen Lebenskreis. Er soll mir eine Sonne sein und neue Strahlen bilden. Wir sprechen von „Lebenskunst“, weil eine Menge Übung, Disziplin und Hartnäckigkeit nötig ist, um aus vielen Farbkleksen ein Bild zu schaffen, wie wir es gerne von uns haben und wie wir es hinterlassen wollen.

von Bünau-Biografien: www.ihre-autobiografie.de

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