2. Self-Publishing-Day am 25. April in Münster – ein Stimmungsbild

Um es vorweg zu sagen: Ich bin zwar viel im Internet unterwegs, lese aber (bis jetzt) nur Printbücher, und bin (bis jetzt) aus Überzeugung  in keinem sozialen Netzwerk. Mein Handy nutze ich trotz Internetfähigkeit nur zum Telefonieren und SMS verschicken. Ein Grund dafür ist das Thema Datenschutz. Mir braucht noch niemand beizubringen, wie man täglich eine stille Stunde einlegt und eine Pause ohne WhatsApp übersteht, um entspannt zu bleiben. Trotzdem wollte ich wissen, wie der E-Book-Markt funktioniert und Informationen über selbst publizierte Bücher im Digitaldruck aus erster Hand bekommen.

Deshalb stand ich um 8 Uhr morgens im Tagungsbereich des Hotels Mercure, um mich für die beiden Workshops anzumelden, die mich am meisten interessierten. Sie waren erst anderthalb Stunden vor Tagungsbeginn buchbar, und ich wollte nicht riskieren, kurz vor Veranstaltungsbeginn zu erfahren, dass diese beiden Veranstaltungen ausgebucht seien. Ich hätte vermutlich eine Stunde länger schlafen können. Denn ich war die Erste. Definitiv wunderten sich die Veranstalter über meine Übereifrigkeit. Sie selbst begannen gerade erst mit dem Aufbau der Anmeldung. Das ist aber auch das Einzige, was mich an dieser Tagung irritierte. Der Tag übertraf alle meine Erwartungen.

Schon vor Monaten hatte ich mich nach reiflicher Überlegung – immerhin kostete die Veranstaltung 140 Euro – zum 2. Self-Publishing-Day angemeldet. Mein Interesse und die relativ kurze Anreise sprachen dafür. Die Entscheidung erwies sich als richtig. Ich bekam Einblick in eine mir unbekannte Branche und Szene, nicht nur in die der Autoren, die Ihre Bücher im Digitaldruck selbst finanziert drucken lassen, sondern vor allem in die der E-Book-Publisher.

Die Tagung war gut und straff organisiert, alle Referenten waren „publikumstauglich“, hatten etwas zu sagen und wussten es knapp, präzise und kompetent zu vermitteln. Ich habe keinen einzigen Schwafler erlebt. Die Atmosphäre war locker und angenehm dünkelfrei. In den Pausen kam ich mit wildfremden Menschen schnell ins Gespräch, was ich sonst nicht immer einfach finde, wenn Grüppchen von ach so wichtigen Menschen zusammenstehen, dich sich schon ewig kennen und offenbar nicht darauf warten, ihre Runde durch Fremde zu erweitern.

Sandra Uschtrin (Handbuch für Autorinnen und Autoren), tredition, BoD, Ruckzuck-Buch aus Münster Neobooks und Bookrix waren mit Informationsständen vertreten, um die zu nennen, die mir auf Anhieb wieder einfallen. Mit vielen von ihnen hatte ich mich schon recht intensiv beschäftigt. Hier konnte ich ihnen endlich von Angesicht zu Angesicht ein Loch in den Bauch fragen.

Die Tagung wurde von der Regensburger Agentur neuDenken Media zum ersten Mal 2014 in Würzburg organisiert. Bereits dieses Jahr hat sich die Teilnehmerzahl verdoppelt. Sie lag meiner Schätzung nach bei 120 Teilnehmern. Zugegeben, ich hatte mit wesentlich mehr Teilnehmern gerechnet. Ich prognostiziere allerdings, dass sich das in den kommenden Jahren kontinuierlich steigern wird. Geplant ist, den Self-Publishing-Day im Wechsel in Nord- und Süddeutschland zu veranstalten, für 2016 ist München im Gespräch.

Der Veranstaltungsname war in doppelter Hinsicht Programm. Denn die Anglizismen flogen mir den ganzen Tag um die Ohren, auch wenn es für den einen oder anderen mühelos nette deutsche Wörter gegeben hätte. Daran wird sich vermutlich auch nichts mehr ändern. Ich habe das eben einfach hingenommen. Mehrmals war die Rede davon, dass das E-Book den Taschenbuchmarkt kannibalisiere. Aha. Dieses Wort kenne ich zwar, aber in anderem Zusammenhang. Doch es hat auch in dieser Bedeutung bereits Eingang in den DUDEN gefunden. Sicher kommt es aus dem Englischen.

Der Self-Publisher, das unbekannte Wesen?

Was ist eigentlich ein Self-Publisher? Das sind diejenigen, über die klassische Verlage und der stationäre Buchhandel offenbar gern die Nase rümpfen. In Münster konnte ich erleben, dass zumindest die E-Book-Publisher das herzlich wenig kümmert. Die Autoren, die  von ihren E-Books leben können, scheinen überwiegend Genre-Literatur zu schreiben, also Krimis und Thriller, Fantasy und Liebesromane (Romance), um die gängigsten zu nennen. Doch auch renommierte Sachbuchautoren, wie Matthias Matting finden über E-Books ihr Auskommen. Alle sind Arbeitstiere. Doch weil ihnen die Arbeit so viel Vergnügen bereitet, stört sie das offenbar wenig. Wer erfolgreich bleiben will, muss dafür Einiges tun: nicht nur ständig, dosiert und kreativ sein Buch im Internet vermarkten, sondern spätestens alle vier Monate das nächste präsentieren, sonst flaut das vorhandene Interesse schnell ab, und man muss von vorn anfangen, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Preislich setzen die E-Book-Autoren – und natürlich Autorinnen, denn die Bestseller stammen in erheblichem Maß von Frauen – auf Masse, die sie mit extrem günstigen Preisen auch durchaus generieren können. Denn die Hemmschwelle, sich ein Buch herunterzuladen ist nicht größer, als sich eine Packung Zigaretten zu kaufen, oder einen Cappucino trinken zu gehen. Ein klassischer Preis für solch ein Buch liegt bei 2,99 Euro, maximal bei 4,90 €. Seit auch die herkömmlichen Verlage den E-Book-Markt entdeckt haben, hat die Professionalität der Self-Publisher stark zugenommen. Ein zielgruppengenauer Titel, ein guter Klappentext und ein attraktives Cover sind für Könner genauso ein Muss wie ein Lektorat und ein Korrektorat. Das sah vor drei, vier Jahren noch anders aus, räumten die Self-Publisher lachend ein. Trotzdem lässt sich mit E-Books noch Geld verdienen, denn im besten Fall kassiert der Autor 70 Prozent des Netto-Verkaufspreises. Wer sein E-Book nicht selbst ins Netz stellt bzw. vermarktet, kann sein Werk von einem Distributor veröffentlichen lassen. Sie vergeben die ISBN und setzen Ihr ganzes Know-how dafür ein, das Buch im Netz auffindbar zu machen. Das tut zumindest Bookrix zunächst kostenlos, verdient wird erst am Verkauf. Da leuchtet es ein, dass sich das Unternehmen für die Bücher, die es betreut, ins Zeug legt.

Von alldem hatte ich bis vor wenigen Tagen keine Ahnung. Kritische Töne, z. B. bezüglich der Sammelwut von Datenkraken wie Google und Amazon waren nicht zu hören. Amazon ist im Gegenteil für viele die Eintrittstür zum Verkauf.

Da ich mich beruflich (bis jetzt) mit gedruckten Büchern befasse, nicht nur mit Privatbiografien, sondern auch mit autoren-finanzierten Werken, freute ich mich, dass auch der Printbereich nicht zu kurz kam. In zahlreichen Gesprächen konkretisierte ich meine Vorstellungen über die Branche und erhielt in einem Workshop über Satz und Gestaltung von Büchern für den Digitaldruck nützliche Tipps und Hintergrundinformationen.

Fazit für mich: Ich habe ein kleines Stück geistiges Neuland erschlossen und bin dem E-Book innerlich um Einiges näher gerückt. In dieser Atmosphäre konnte ich fühlen, was ich schon lange weiß: Entwicklungen sind nicht aufzuhalten, wenn die Zeit dafür reif ist. Dass der Gutenberg’sche Buchdruck anfangs von der herrschenden Klasse verboten wurde, um das Volk vom Elitewissen fernzuhalten, war auf lange Sicht auch wirkungslos. Die Botschaft der Self-Publisher: Zieht euer Ding durch, wenn ihr davon überzeugt seid, und wenn’s nicht klappt, startet einen neuen Versuch. Auch Goethe und unzählige andere Größen der Weltliteratur finanzierten ihre ersten Werke komplett selbst. Madame Pompadour kaufte dafür sogar eine Druckerei, weil für Frauen niemand drucken wollte, nicht mal für Geld. Tolstoi dagegen verkaufte hinter dem Rücken seiner Frau ein ganzes Landgut, um den Druck seiner Bücher zu finanzieren. Auch heute bleiben noch genügend Manuskripte, die ihren Weg aufs Papier finden, weil sie dort gut aufgehoben sind.

© Beate Friedrich-Lautenbach
www.textundleben.de
http://self-publishing-day.de

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