Die Weisheit der Erinnerung

Es ist ein bestimmtes Lebenskapitel, das ich meinen „Oldies“ verdanke – wie ich die Teilnehmer meiner Biographie schreibenden VHS-Gruppe inoffiziell und durchaus liebevoll gemeint nenne –, welches mich ganz besonders beeindruckt. Auf das betreffende Kapitel komme ich weiter unten zu sprechen.

Die zehn Teilnehmer – ich bleibe bei der männlichen Form und erspare dem Leser Erläuterungen dazu – könnten unterschiedlicher nicht sein. Neben dem ehemaligen Juristen sitzt die pensionierte Friedhofsgärtnerin, neben der Grundschullehrerin die Schneiderin, neben dem Alt-Gemüsebauern der Internist. Diese Vielfalt ist geballte Lebenserfahrung und, wie sich erwiesen hat, wunderbare Ermunterung für das „Heute“ durch das „Gestern“. Nun gehen wir im journalistischen Gewerbe sehr zurecht bedacht mit überschwänglich wertenden Adjektiven um. Dennoch ist das „Wunderbar“ an dieser Stelle genau richtig. Und jetzt komme ich zu dem Kapitel meines Teilnehmers – übrigens des pensionierten Internisten, der mit seinen 85 Jahren der Zweitälteste meiner Gruppe ist.

Es ging um das Thema „Freundschaften“. Und da hatte er ein ganz besonderes Kapitel zu schreiben: Es ist Krieg, 1944, als der 14-jährige Egbert bei seinem Onkel, der Leiter eines Lazaretts ist, unterkommt. Eines Tages wird ein von der Flak abgeschossener, schwer verletzter Amerikaner eingeliefert. Der tolerante Onkel bittet den Jungen, der gut englisch spricht, zu übersetzen und dem eingelieferten „Feind“ Mut zuzureden. Es entwickelt sich eine dicke Freundschaft zwischen dem Jungen und dem knapp 20 Jahre älteren GI. Nach dem Krieg schickt der Amerikaner Egbert und seiner Familie aus Dankbarkeit jahrelang Care-Pakete, die über die Hungerzeit hinweghelfen. Die Freundschaft dauert bis zum Tod des dann 95-jährigen Amerikaners im Jahr 2006. Das Fazit des jetzt 85-jährigen Egbert: „Diese Freundschaft hat für mich einen ganz besonderen Wert. Sie zeigt mir bis heute, dass einfache Menschen, auch wenn deren Nationen gegeneinander einen hasserfüllten ideologisch aufgeheizten Vernichtungskrieg führen, menschlich miteinander umgehen können. Das passiert dann, wenn der vermeintliche Feind ein menschliches Gesicht bekommt. Doch leider ist die Realität eine andere. Oft wird auch heute gemordet mit dem Ruf: ,Gott will es!'“ – Ich denke, diese Weisheit der Erinnerung ist so hochaktuell – dem ist einfach nichts hinzuzufügen.

Und so sind es Weisheiten und Schätze wie solche, die keinesfalls lediglich die Teilnehmenden eines solchen Schreibkurses bereichern. Als Kursleiterin gehe ich jedes Mal beschenkt nach Hause.

Christiane Willsch, 9. März 2015

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Die Biographie-Gruppe,
Dr. Egbert Buchbender ganz rechts

2 Gedanken zu „Die Weisheit der Erinnerung

  1. Hallo Frau Willsch!
    „Als Kursleiterin gehe ich jedes Mal beschenkt nach Hause.“, das erlebe ich ebenfalls, wenn mir Menschen über ihre Erinnerungen erzählen. Und nicht nur das, es ist das Gespräch selbst, der eine erzählt, der andere hört zu, was beide Seiten zu bereichern scheint. Denn nicht nur ich fühle mich reicher nach einem biografischen Gespräch. Mit der Zeit, wenn die Erzähler in eine gelbte Welt eintauchen und aus ihr schöpfen, sehen sie mich immer direkter an, mit Leuchten in den Augen und Lachen überall, als dürften sie nochmal für einen Moment, in das Damals schlüpfen. Gerade die wertvollsten Momente der Freundschaft und Liebe bringt auch den Erzählern beim Erinnern echtes Glück. Das jedenfalls empfinde ich, wenn sich Menschen nach ihrer Erzählung bei mir bedanken, dass ich ihnen so lange zugehört habe. Das scheint heute keine Selbstverständlichkeit mehr zu sein. Ich denke, ihre VHS Gruppe ist für alle eine Bereicherung. Viel Freude wünsche ich Ihnen dabei.

  2. Ja, ich glaube auch, dass sich alles ändert, wenn Menschen sich von Angesicht zu Angesicht wahrnehmen und noch mehr, wenn man die Geschichte des anderen kennt. Wenn die Familien sich vorher ins Gesicht sehen müssten und dem zustimmen müssten, was dann in vielen Fällen passiert – dem Tod ihrer Kinder – und seien sie auch inzwischen erwachsen: Würden dann auch so viele gegeneinander in den Krieg ziehen? In einer meiner Familienlinien starben im 1. Weltkrieg alle Männer. Sie waren so jung wie meine Söhne. Daran denke ich, wenn ich über die Ukraine und Syrien etc. lese. Überall traumatisierte Opfer und Hinterbliebene.
    Auch so ein Bewusstsein kann durch Biographie-Arbeit gefördert werden.
    Viele Grüße Beate

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